Energiewendemärchen der Woche 21-2022

The Big Five

Die EWM dürfen unter Angabe des Autorennamens beliebig verbreitet und
veröffentlicht werden.

The Big Five

André D. Thess

26. Mai 2022


Die Behauptung
: Das Beratungsunternehmen Prognos bezeichnet auf seinen Webseiten fünf Studien zur Klimaneutralität Deutschlands - 1-Agora, 2-BDI, 3-dena, 4-BMWK, 5-BMBF - als „Big Five“. In einem von der Stiftung Klimaneutralität in Auftrag gegebenen Dokument vergleicht Prognos diese Studien und resümiert: „Die fünf Studien kommen vor allem für den Zeitraum bis 2030 zu ähnlichen Ergebnissen.“

Meine Analyse: Der von Afrikareisenden geprägte Begriff „Big Five“ bezeichnete bis vor kurzem Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Tierfreunde erkennen spätestens beim ersten persönlichen Zusammentreffen, dass es sich um Schwergewichte der Wildnis handelt.  Vor diesem Hintergrund lohnt es sich zu ergründen, inwieweit die Studien akademische Schwergewichte sind.

Gemäß den Qualitätsstandards der Wissenschaft gelten Studien als belastbar, wenn sie einem unabhängigen und anonymen Begutachtungsprozess - Peer-Review - unterzogen wurden und in einer Fachzeitschrift publiziert worden sind. Um es etwas volkstümlicher auszudrücken kann man sagen: Eine Studie ohne Peer-Review ist ungefähr so wertvoll wie ein Passagierflugzeug ohne behördliche Zulassung oder ein Auto ohne TÜV. (Nebenbei bemerkt, wurde die Studie des Hamburger Physikprofessors Roland Wiesendanger über die Herkunft der Corona-Pandemie in den Medien ausgiebig kritisiert, weil sie kein Peer-Review durchlaufen hatte.) Schauen wir uns nun Klimaneutralitätsstudien nach diesem Qualitätskriterium an.

Studie 1-Agora umfasst 120 Seiten, wurde von 29 Autoren erstellt, besitzt keinen corresponding author, enthält keine Informationen zur Qualitätssicherung und hat anscheinend keinen Peer-Review durchlaufen. Studie 2-BDI umfasst 314 Seiten, wurde von 13 Autoren erstellt und besitzt keinen corresponding author. Sie enthält Informationen zur Qualitätssicherung, die jedoch darauf hindeuten, dass es weder ein unabhängiges noch ein anonymes Begutachtungsverfahren gab. Studie 3-dena umfasst 312 Seiten, wurde von 29 Autoren erstellt und besitzt keinen corresponding author. Sie enthält Informationen zur Qualitätssicherung, die jedoch darauf hindeuten, dass es weder ein unabhängiges noch ein anonymes Begutachtungsverfahren gab.  Studie 4-BMWK umfasst 379 Seiten, wurde von 27 Autoren erstellt, besitzt keinen corresponding author, enthält keine Informationen zur Qualitätssicherung und hat anscheinend keinen Peer-Review durchlaufen. Studie 5-BMBF umfasst 366 Seiten, wurde von 85 Autoren erstellt und listet drei Wissenschaftler in der Rolle von corresponding authors. Sie enthält keine Informationen zur Qualitätssicherung  und hat anscheinend keinen Peer-Review durchlaufen.

Ohne auf wissenschaftliche Details der Studien einzugehen, macht diese kurze Meta-Analyse klar, dass es sich bei den vermeintlichen Großen Fünf um Dokumente handelt, die keiner regelkonformen Qualitätskontrolle unterzogen worden sind und insofern in die gleiche Kategorie gehören wie die als „umstritten“ oder „krude“ bezeichnete Wiesendanger-Studie.

Wo bleibt die Empörung der Medien über solche gravierenden Qualitätsmängel?


Mein Fazit: Die Studien sind legitime Meinungsäußerungen, deren wissenschaftlicher Wert wegen des Fehlens unabhängiger und anonymer Qualitätskontrolle gering ist. Nach meiner Einschätzung würde keine der fünf Studien einen internationalen Peer-Review überleben, weil sie ohne sachliche Begründung die Kernenergie als CO2-arme Energiequelle ausklammern. Insofern handelt es sich hier allem Anschein nach nicht um ein Elefantenrennen, sondern um akademischen Flohzirkus.

 

Der Autor: André D. Thess ist Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart und Autor des Buches „Sieben Energiewendemärchen?“ Kontakt: energiewendemaerchen@t-online.de

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